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(aus: Kunstforum International, Bd. 163, Jan - Feb 2003)



Reinhard Ermen
25 Jahre Galerie Rupert Walser
Antonio Calderara - Frederic Matys Thursz

 

Angefangen hatte es 1977 in einem idylischen Hinterhof der Fraunhoferstrasse in München; ,,druckwerk" hieß die erste Initiative, und das war Werkstatt, Verlag und Galerie in einem. Wie man das macht (das Drucken) hatte Rupert Walser (*1951 Rosenheim) an der Akademie der bildenden Künste gelernt, wo er seit 1970 in der Klasse von Rudi Tröger studierte, seit 1972 war er auch an der Universität für das Fach Kunstge schichte eingeschrieben, die angefangene Dissertation ,,Studien zu monochromen Malerei" blieb mit dem Er starken der ,,Galerie Walser" auf der Strecke. Doch der Malerei, vornehmlich der, die sich auf die Alleinherrschaft beruft, ist der Galerist treu geblieben, siebt man von einigen Ausreissern in Richtung Skulptur (etwa Christiane Möbus oder James Reineking) ab. Ihr 25-jähriges Bestehen hat die Galerie aus diesem Grunde schon auf der ,Art cologne' unter dem Motto ,,beautiful painting" gefeiert: Stephan Baumkötter, Thomas Bechinger, Inge Dick, Marcia Hafif Thomas Kaminsky, Carmengloria Morales, Norbert Prangenberg, Rolf Rose, Phil Sims, Howard Smith und Jerry Zeniuk. Der Wiedererstarken der standigtotgesagten Gattung (,Painting on the move') gibt Auguren wie ihm recht, obwohl er mehr oder weniger bei seinen Protagonisten der Farbe geblieben ist. Die schnellen Wechsel zu verführerischen neuen Trends hat er auch im Falle der Malerei nie gemacht. So kann er es sich leisten, die eigentliche Jubiläumsausstellung in seinen unverwechselbaren Räumlichkeiten (es ist noch immer der schöne Hinterhof an der Fraunhoferstrade, Ecke Klenzestrasse) allein mit zwei Bildern, von zwei Malern zu bestreiten: Antonio Calderara (1903 1978) und Frederic Matys Thursz (1930 - 1992).

Calderara steht ziemlich am Anfang. druckwerk verlegte die beiden letzten Graphikserien des italienischen Meisters. Seine ,,pittura ad olio (1959), eine flache Holztafel von gerade mal 38 x 46 cm ist ein Werk des eben vollzogenen übergangs. Erst mit weit über 50 Jahren mochte sich Calderara vom Gegenstandlösen, dem er annährend 40 Jahre in hochkonzentrierten Bildern auf den Grund gegangen war. Die Farben seiner Umgebung (wir sind in Vacia go am Lago di Orta, 65 km nordöst lich von Mailand) sind den Bildern geblieben, also grün, grau-braun, gelb, aber in den grundsätzlichen Architekturen, aus denen sich Bäume, Berge und Blumen entfernt haben, werden sie gleichsam entmaterialisiert. Die Geste wird zurückgenommen, die Farbe nicht mehr modelliert, sondern mit unendlicher Geduld auf gebaut. Es herrscht in dieser hoch empfindsamen Schichtenmalerei eine gläserne Klarheit, bei gleichzeitiger, natürlicher Wärme, und, wenn man so will, ein gleichsam ,gerechtes' Licht. Die koloristischen Werte liegen ganz dicht beieinander, als wolle Calderara die Augen des Betrachters prüfen, oder die sogenannte ,analytische Malerei' vorbereiten, die erst Jahre später auf den Plan tritt. Die zarte Vorzeichnung hilft indessen beim sehenden Nachvollzug der Ordnung. Die (namenlose) ,,pittura ad olio" von 1959 spielt noch ein wenig mit erlebten Räumen, die Ebenen sind klar und deutlich auszumachen. Auf der anderen Seite des weissgrauen Feldes schimmert in der Ferne das gleiche Gelb, das da vorne halbrechts auf dem Grün sitzt. Ein ganz klein wenig könnte man sich an kulissenartige Szenarien erinnert fühlen,   wo Prozszenium und Sofitten den Ort de finieren, vielleicht gelegenich an die rhythinischen Räume Adolphe Appias. Doch hier leuchtet nicht das nordeuropäische Feuer für die Dramen Wagners, sondern eben eine segensreiche südliche Sonne, ganz abgesehen davon, dass diese Malerei keine Fluchtlinien mehr kennt; sie ist flach und räumlich zugleich!

Frederic Thursz wirkt auf den ersten Blick ungleich schwerer und materialteicher. ,,FUCHSIN 1986/88/89" ist nicht nur grösser (146 x 73 cm), son dern durchaus konkreter. Es kommt dem Betrachter auf einem 5,1 cm hohen Keilrahmen entgegen. Die Ober fläche ist zerfrurcht von der vertikalen Malbewegung, in der auch ein schwer auszumachender diagonaler Zug mit gearbeitet hat. Das ist eine (dominierende) Farbe! Doch schon bei dem Versuch sie zu benennen, kommt der Chronist ins Schleudern; Violett viel leicht, blau- oder auch rotviolett. Das in zahllosen Materialschichten ange legte Bild, widersetzt sich der Klassifizierung. Auch Calderara malt in Schichten, doch die sind lasierend hauchdünn und bauen an dem gewünschten, transzendenten Ton, bei Thutsz dagegen arbeiten die Farben im Untergrund, der Betrachtet kann sie fühlen, das Licht blättert sie auf die konkrete Farbmasse leuchtet und bleibt doch schwer, - gewichtig und gegenwärtig. Auch die Benennung mit ,,Fuchsin" ist nicht unbedingt eine Hilfe. ,,Fuchsin, giftiges Roth, aus 100 Theilen Anilin und 140 - 150 Theilen Arseniksäure bereitet", heisst es 1884 in Bruno Buchets ,,Real-Lexikon der Kunstgewebe". Das kann auch eine Metapher sein, dieses ,,giftige Roth", denn Thursz war einer, der seine Erfahrungen tagebuchartig in seinen (späten) Bildern schichtete, seien das nun grosse Augenblicke im Angesicht von Grünewald und Rembrandt oder die Klage über sein gemordetes Volk in der ,,Elegia Judaica" oder den ,,Blood Paintings". Es gibt kaum einen Maler seiner Umgebung, der so intensiv mit Rot umgehen konnte. Und das alles geschah in Bildern, die nach gängiger Klassifizierung ,monochrom' waren und doch vielfarbiger nicht sein konnten. ,,Ich kann denken aber nicht reden", sagt Arnold Schönbergs Moses, und auch in Fredene Thursz steckte etwas davon. Er war ein hochkonzentrierter Gedankenmaler, der mit dem grossen Bilderverbot der Moderne im Hinterkopf Bewusstseinsspeicher aus Farbe und Licht schuf die sich vor der Kunstgeschichte nicht zu schämen brauchten.
Zwischen beiden Malern, die ein anderer ausser diesem Rupert Walser vielleicht niemals so eng und ausschliesslich gezeigt hätte, liegt eine ganze Welt, und trotzdem (oder gerade desshalb) funktionieren sie auch miteinander. Zwei Klassiker zweier Generationen aus Amerika und Europa nehmen, geleitet von unterschiedlichen Überlieferungen, Farbe in die Hand, um ihr auf den Grund zu gehen. Thursz hat Wurzeln in der alten Welt, von wo man seine Leute nach 1933 vertrieb, und Calderara wirkt zuweilen wie eine zentraleuropäische Antwort auf Ad Reinhardt. lmmer wenn zwei absolut autonome Figuren zu sammenkommen, finden sie in ihrer Einzigartigkeit zum Gespräch, ganz abgesehen davon, dass Farbe und Lieht mit wahlverwandten und doch gegenlaufigen Konsequenzen eine selbstverständliche Brücke ist. Da der gläserne, entmatetialisierte Raum mit den helfenden Restarchitekturen in der Fläche, dort der gewichtige Farbkörper, in den sich die ,,Taten und Leiden des Lichts" eingegraben haben.

 

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