Klaus
Honnef in Kat. documenta 6, Kassel 1977
"Ich habe
mir zur Aufgabe gemacht herauszufinden, was Malerei eigentlich ist!"
Das Eingeständnis
eines Künstlers, der Malerei mit dem Reflektieren über Malerei
verwechselt? Mitnichten. Keine Theorie, keine noch so erschöpfende
Interpretation hat je treffender Absicht und Inhalte der avancierten
Malerei in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre wiedergegeben
als diese Äußerung von Jerry Zeniuk über sein malerisches
Werk, In diesem Satz schießt nicht nur zusammen, was das künstlerische
Individuum Zeniuk beschäftigt - darin kulminiert zugleich ein künstlerisches
Bestreben, das die skeptische Einstellung und nüchterne Haltung
der "westlichen" Gesellschaften nach gescheiterter Studentenrevolte,
Ölschock, Vietnam-Syndrom und amerikanischem Gangster-Präsidenten
in exemplarischer Form belegt. Der Satz dokumentiert die inzwischen
eingeschliffene Unsicherheit, die jeden sensiblen, sensitiven oder intellektuellen
Menschen beschleicht, selbst wenn er auf (vermeintlich) vertrauten Pfaden
wandelt.
Gegenstand
der Malerei Zeniuks ist denn auch (zunächst) die Malerei. Gegenstand
ist nicht die Wirklichkeit, wie gebrochen auch immer, jedenfalls nicht
im unmittelbaren Sinne.
Den (kunst)historischen
Stellenwert eines solchen künstlerischen Programms auszuleuchten,
ist schwierig. Signalisiert es die letzte Phase einer Tradition, die
mit dem Aufbruch der Renaissance begann? Oder kündigt es gar einen
neuen Schritt an, dessen Folgen noch unabsehbar sind?
Unzweifelhaft
ist, daß sich die Malerei niemals zuvor in der Geschichte derart
intensiv, ausgiebig und hartnäckig mit ihren eigenen Voraussetzungen,
Bedingungen, Überlieferungen und Auswirkungen beschäftigt
hat wie in den vergangenen zehn Jahren. Das hat nichts mehr gemein mit
der "fröhlichen Kunst" eines Bob Ryman des "So-ist-die-Malerei
und nicht anders". Der Prozeß ist bohrender, quälender, fragender!
Konkreter gesagt: Was dereinst Sache der rein theoretischen Überlegung
war, ist jetzt (teilweise sogar ausschließlich) zum Inhalt der
malerischen Praxis geworden.
Die beiden
Bilder Jerry Zeniuks sind Resultate eines langwierigen, von ständigen
Überprüfungen und Korrekturen begleiteten Vorgangs. Bezugspunkt
der Überprüfungen und Korrekturen ist allein das "Vorbild"
Malerei. Die Art ihrer Herstellung ist im Prinzip jeweils gleich, ebenso
wie das Bild-Ergebnis im übergeordneten Zusammenhang des Mediums
Malerei. Von bloßem Augenschein unterscheiden sich beide Bilder
allerdings.
Die Bilder
sind aus Schichten verschiedenster Farben, und Farbmischungen und Farbkonsistenzen
entstanden. (Die Bezeichnung "entstehen" ist hier durchaus am Platze.)
Zeniuk hat Farbschicht um Farbschicht auf die Leinwand aufgetragen;
zwanzig oder dreißig oder vierzig an der Zahl. Dann erst hat jedes
Bild jenes Stadium erreicht, wo der Künstler abbricht, weil das
Resultat seine Prämissen erfüllt.
Bevor Zeniuk
mit der Arbeit anfängt, existiert für ihn nur die grundsätzliche
Herausforderung des Malens. Das künstlerische Ergebnis ist nicht
in seiner Vorstellung vorgeprägt; nicht einmal in groben Umrissen.
Das "Abenteuer" Malerei, das Risiko, bleibt erhalten. Das besondere
Aussehen eines Bildes entwickelt sich während des künstlerischen
Tuns. Es verändert sich von Entscheidung zu Entscheidung in unumkehrbarer
Richtung. So läßt beispielsweise die Wahl eines dunklen Blau
kein helleres Bildresultat zu und vice versa die Wahl von Weiß
kein dunkles.
Zeniuks
Bilder stehen in der "klassischen" Tradition; der Malerei. Sie wollen
affizieren! Sie wollen unvermittelt auf den Betrachter (ein)wirken ihn
durch ihre spezifischen; malerischen Qualitäten beeindrucken und
beeinflussen. Der malerische Augenreiz, das visuelle Erlebnis, das etwa
eine vollendet gemalte Passage eines Bildes von Tizian hervorruft, verbunden
mit dem stillen Appell an die Konzentrationsfähigkeit des Betrachters
- das sind die Ziele. Deshalb muß jeglicher Versuch einer Beschreibung
versagen. Die Bilder sind wahrhaft unbeschreibbar, unbeschreiblich.
Die Schichtung
der verschiedenen Farben und Farbwertigkeiten verleiht ihnen eine unbestimmte
Farbigkeit. Hinzu tritt eine nicht minder unbestimmbare Bildtiefe Und
auch diese ist ambivalent. Einerseits ist sie das natürliche Resultat
des malerischen Prozesses, andererseits auch Folge der Suggestionskraft,
die jede der verwendeten Farben besitzt. Doch die Kombination von tatsächlicher
und virtueller Bildtiefe bringt ein Ergebnis zustande, das nur die Malerei
hervorbringen kann.
Zeniuks
Bilder sind keine bildnerischen Objekte wie Stellas "shaped canvasses".
Sie gestalten (bewußt) Farbe. Sie gestalten sie aber ohne Zuhilfenahme
formalen Rüstzeugs. Sie gestalten Farbe durch Farben. Und sie erzeugen
reine Malerei. Jerry Zeniuk ist der Malerei auf der Spur.