Michael
Hübl in: Badische Neueste Nachrichten, Karlsruhe, vom 14.7.2003
Neue Ausstellung
in der Kunsthalle Karlsruhe
Farbe in
leuchtend reinem Klang
Aquarelle
und Druckgrafiken des Malers Jerry Zeniuk
Kreise
für Karlsruhe: Im ersten Saal der Ausstellung mit Malereien von
Jerry Zeniuk stechen unerwartet und leuchtend große runde Farbareale
hervor. Zeniuk, von Kindheit an darauf konditioniert, Orte zu verlassen
und neue Orte für sich zu gewinnen, hat mit seinen offenen Malereien
immer wieder auf die Stimmung, die atmosphärischen Eigenheiten,
auch das Kolorit einer Gegend reagiert. In Karlsruhe nun sind farbkräftige,
gleichsam überdimensionale Punkte entstanden, die sich zugleich
als Kontrapunkte erweisen, denn sie kontrastieren augenfällig mit
dem linden Grün des Wandanstrichs aus dem 19. Jahrhundert. Als
genauen Beobachter charakterisiert Gert Reising, der die jetzt eröffnete
Werkschau in der Karlsruher Kunsthalle erarbeitet hat, den in München
und New York tätigen Maler. Wie diese Beobachtungen in Bilder umgesetzt
werden - das ist just an den runden Farbflächen abzulesen, die
Zeniuk auf robuste weiße Papierbahnen gesetzt hat. Denn diese
einfachen Akzente machen mehr als jede Abhandlung deutlich, wie sehr
sich die Welt der Farben (und damit auch der Wahrnehmung) seit dem Aufkommen
industriell gefertigter Pigmente geändert hat: In den Tagen Johann
Schirmers, des ersten Direktors der Karlsruher Kunstschule, war kein
Gelb so strahlend, kein Blau so intensiv wie die Farben, die Zeniuk
heute verwenden kann.
Der Künstler,
der seit 1992 an der Kunstakademie München eine Professur für
Malerei wahrnimmt, wurde bekannt im Zusammenhang mit einer Malerei,
die sich von allen illus- trativen, erzählerischen oder psychologisierenden
Auflagen befreit hat und die sich primär auf ihre Mittel: die Farben
konzentriert. Die Farbe trägt keine inhaltliche Botschaft, sie
wirkt unmittelbar auf die Sinne, will zunächst sinnliches Erlebnis
sein, fast so, wie es Paul Klee am 16. April 1902 notiert hat: "Die
Farbe hat mich." Und weiter: "Ich und die Farbe sind eins."
Das Klee-Zitat
war das Motto eines groß angelegten Ausstellungsprojekts, das
vor zweieinhalb Jahren an mehreren Schauplätzen des Ruhrgebiets
veranstaltet wurde und an dem auch Zeniuk beteiligt war. Dargestellt
wurden Positionen einer Kunst, für die häufig der Begriff
"Radikale Malerei" gebraucht wird. Zu ihr gehört nicht zuletzt
die gänzlich ungegenständliche, auf eine einzige Farbe oder
einen einzelnen Farbklang reduzierte monochrome Malerei. Sie spielt
auch im Werk Zeniuks eine wichtige Rolle, wie zwei frühe Tafeln
in der Kunsthalle belegen: Hier hat Zeniuk seine Palette auf ein stumpfes
Aschgrau zurückgefahren, das aussieht, als seien sämtliche
Farben so lange miteinander verrührt worden, bis alles Zündende,
Emotive aus ihnen gewichen ist und nur noch einheitliche Neutralität
übrig bleibt.
Man erlebt
diese Arbeiten, die bei aller Verhaltenheit so etwas wie eine subtile
Farbschwingung abstrahlen, am Ende einer Zeitreise, die von der Gegenwart
in die Mitte der siebziger Jahre zurückführt. Das heißt:
Man weiß von vornherein, welch eruptive Kraft unter oder in den
grauen Tafeln schlummerte. Tatsächlich sind bereits die Monochromien
nicht derart homogen, wie sie sich auf den ersten Blick darstellen.
Auch sie sind ähnlich tastend, prüfend, differenzierend aufgebaut
wie die Patchworks, die später entstehen.
Und dann
der Durchbruch zur Farbe als reine visuelle Sensation. Kein Netz, kein
Patchwork, das auffängt, bindet. Zu den eindrucksvollsten Stücken
dieser Ausstellung gehört - neben einem nonchalant angelegten Lithographiezyklus
und einer außergewöhnlichen Aquatintaradierung - eine Reihe
von Aquarellen, bei denen Zeniuk die Farben als reine Einzelklänge
anschlägt. Deren Obertöne evozieren die grelle Hitze Neu Mexikos
oder die Düsternis Dachaus, und doch bleibt das alles immer Malerei
- Malerei von eindrucksvoller sensueller Präsenz.